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CHRIS LÖWER HANDELSBLATT, 3.1.2004 BERLIN.
Statt auf verspätete Flüge zu warten, könnten sich die Zuhörer vor dem Vortrag
noch einen Kaffee holen. Statt am Eingang anzustehen, würde sich jeder im Stuhl zurücklehnen. Neue Dienstleister wie die Bayern Innovativ GmbH oder der Videokonferenz-Anbieter Conference-TV wollen Online-Konferenzen und -Kongresse endlich zum festen Bestandteil des Geschäftslebens machen. Beide haben ganz unterschiedliche Motive.
Bayern Innovativ, vom Land Bayern Mitte der neunziger Jahre gegründet und
teilweise durch öffentliche Mittel finanziert, hat ohnehin die Aufgabe, für die
Verbreitung neuer Technologien zu sorgen. Die wichtigsten Beiträge
ausgewählter Treffen und Symposien können Interessierte daher im Internet
herunterladen. Unter der Rubrik "Kongress TV" der Webseite www.bayern-
innovativ.de finden sich auch Fernsehsendungen, die im Anschluss an die
Veranstaltungen des Forums erschienen sind.
"Bisher konnten sich nur Teilnehmer anhand des Tagungsbandes in Ruhe mit
einzelnen Beiträgen beschäftigen", sagt Josef Nassauer, Geschäftsführer der
Bayern Innovativ GmbH. Nun sind die Inhalte einer breiten Masse zugänglich -
die Gesellschaft wird ihrer Aufgabe, Technologien zu verbreiten, sehr viel besser
gerecht.
Anbieter Nummer Zwei, Conference-TV, hat dagegen handfeste
Geschäftsinteressen. Der nach eigenen Angaben "erste Provider für
professionelle Videokonferenzen in Deutschland" ist seit einigen Wochen online
und veranstaltet Video- Konferenzen als Dienstleister.
Das heißt: Die gesamte Technik, von den Leitungen über Hard- und Software bis
zum Support, wird zur Verfügung gestellt. Abnehmer zahlen eine Anschluss- und
eine Grundgebühr sowie einen Minutenpreis von derzeit 69 Cent.
Technisch sind beide Angebote unproblematisch. Bereits mit einem ISDN-ISDN-
Abkürzung für Integrated Services Digital Network - Digitales Netz, das alle Dienste (Sprache, Text, Bilder, Daten) über einen Anschluss anbietet.
Anschluss lässt sich eine gute Bildqualität erreichen. Mit einer DSL-VerbindungDSL-Verbindung
Abkürzung für Digital Subscriber Line - bezeichnet mehrere Verfahren zur digitalen, breitbandigen Nutzung verdrillter analoger Zweidrahtleitungen. Hier werden Daten mit hohen Übertragungsraten über einfache Kupferleitungen gesendet und empfangen. Oft auch als XDSL bezeichnet. Videokonferenzen über DSL-Leitungen zu führen bedeutet eine deutlich höhere Bild- und Audioqualität als z.B. Videokonferenzen über ISDN-Leitungen.
haben die Inhalte im Großbild Fernsehqualität. Um besseren Schutz gegen
Hacker und Viren zu bieten, will Conference- TV überdies bei den Kunden einen
eigenen ISDN-AnschlussISDN-Anschluss
Abkürzung für Integrated Services Digital Network - Digitales Netz, das alle Dienste (Sprache, Text, Bilder, Daten) über einen Anschluss anbietet.
verlegen.
"Mit Conference-TV eröffnen wir kleinen und mittelständischen Unternehmen die
Vorteile der Videokommunikation", wirbt Geschäftsführer Daniel Debes. Bis zu
sechs Teilnehmer können in einer Konferenz miteinander verbunden werden. Bei
Bedarf erscheinen zudem Charts oder Details von Werkstücken. Das Interesse sei
groß, heißt es bei dem Hamburger Unternehmen. Konkrete Nutzerzahlen nennt
Conference-TV jedoch nicht.
Das Angebot "Kongress-TV" haben nach Angaben von Bayern Innovativ in zwei
Jahren mehr als 300 000 Interessierte genutzt. Dabei werden nur jene User
erfasst, die den kostenlosen Dienst mindestens eine Viertelstunde gebrauchen.
Besonders begehrt sind Inhalte rund um die Automobilbranche und den
Maschinenbau, sagt Bayern- Innovativ-Geschäftsführer Nassauer. Künftig will er
sein Angebot auf naturwissenschaftliche Inhalte aus dem englischsprachigen
Raum erweitern. Neben dem besseren Zugang zu Konferenz-Inhalten hat er mit
der Zeit einen weiteren Vorteil der Online-Kongresse ausgemacht: "Die
Referenten bereiten sich besser vor, weil sie wissen, dass ihre Beiträge
mindestens ein Jahr im Netz stehen."
Vom Sparkurs profitieren.
Hohe Kosten: Klassische Videokonferenzsysteme von Herstellern wie Polycom
oder Tandberg können je nach Ausstattung mit Lautsprecherboxen,
Fernbedienung und Kameras mehrere zehntausend Euro kosten. Vor allem kleine
und mittelständische Unternehmen schrecken vor der Investition zurück.
Großes Potenzial: Nach Angaben von Umweltschützern können Unternehmen bis
zu 20 Prozent ihrer Reisekosten sparen, wenn Mitarbeiter sich verstärkt virtuell
treffen. Die Beratung Frost & Sullivan erwartet, dass die Umsätze mit
Videokonferenzlösungen in Europa bis zum Jahr 2008 auf 125,4 Mill. Dollar
steigen.